Homo Magi 

Düsselmensch

01.07.2018

Hallo Salamander,

Gerade habe ich das wundervoll zu lesende „Die Ordnung des Himmels“ von Bernhard Maier hinter mich gebracht.[1] Ein schönes Buch, das die Geschichte der Religion von der Steinzeit bis in die Gegenwart in angenehm zu lesenden Kapitel beschreibt. Eine Empfehlung für Sommerabende.

In dem Buch fand ich folgenden schönen Absatz:

Die Auswirkungen des Pietismus und der Erweckungsbewegung gingen langfristig weit über den Kreis ihrer unmittelbaren Anhänger hinaus. Ein charakteristisches Beispiel dafür ist der reformiert-pietistische Liederdichter Joachim Neander (1650-1680), dessen Choral Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, von Johann Sebastian Bach vertont und von Bertold Brecht parodiert, heute sowohl im Evangelischen Gesangbuch als auch im katholischen Gotteslob zu finden ist. Neander liebte das Düsseltal bei Düsseldorf, in dem er Gottesdienste hielt und Lieder dichtete, weshalb es im neunzehnten Jahrhundert nach ihm benannt wurde.“[2]

1856 fand man in diesem Tal die Reste eines Frühmenschen. Wenige Jahre später wurde diese Frühmenschenart nach ihrem Fundort benannt:

Wie sich nach späteren Forschungen herausstellte, lebten die Neandertaler im Pleistozän vor circa 130.000 bis 30.000 Jahren. Die Skelettfragmente aus dem Neandertal sind nach neuesten Bestimmungen 42.000 Jahre alt, gehören demnach zu den jüngsten Spuren des Neandertalers in Mitteleuropa. Diese Spezies wurde 1863/64 von dem britischen Geologen William King nach dem Fundort als Homo neanderthalensis benannt und als Neandertaler weit später ein weltweiter Begriff. (…) Bereits um 1900 war die Lage der Fundstelle und damit der aus der Höhle heraus geschaufelten Sedimente nicht mehr bekannt. Während der Fund ab dem 19. Jahrhundert Weltruhm erlangte, versank das Neandertal im Schutt der wachsenden Steinbrüche.

Heute ist nicht mehr nachvollziehbar, warum kaum jemand weitere Grabungen und Forschungen angestellt hat, obwohl im Schutt noch weitere Funde zu vermuten waren. Auch die erst 1890 als letzte große Höhle des Gesteins gesprengte Neanderhöhle wurde nie eingehend untersucht. Vermutlich wurden 1895 von dem Düsseldorfer Archäologen Oscar Rautert in einer bereits zerstörten Höhle am nördlichen Düsselufer Skelettreste eines weiteren Neandertalers entdeckt, aber auch hier fand keine eingehende Untersuchung statt. Dieser Fund gilt seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen.[3]

Die weitere Geschichte des Fundes, wie sie eben geschildert wurde, ist schlimm. Ich will mich nicht über die Missachtung der Forschung aufregen, oder über den Umgang mit Gebeinen, sondern einfach kurz in die Runde werfen, dass ohne den christlichen Liederdichter Neander das Tal weiterhin Düssel hieße, der Urmensch damit Homo Düsseldorfis oder so. Das ist nicht so schlimm – einige meiner Freunde sind Düsseldorfer. Da würde das passen.

Aber die Vorstellung, wie Neanderthaler um das Feuer herumsitzen, Marschmelonen[4] an langen Holzspießen braten und dabei „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ singen, das hat schon was.

Dein Homo Magi

[1] Bernhard Maier „Die Ordnung des Himmels“, München, 2018

[2] S. 387 f.

[4] … tolles Wort, oder?

 

 

 

 

 


 

 

 


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