Homo Magi 

Strahlenmafia

15.07.2018

Lieber Salamander,

obwohl ich den täglichen Irrsinn fast gewöhnt bin, gibt es doch Artikel, die mich besonders berühren. So war es mit jenem hier, der auch in der Tagespresse erschien:

Aus Wut auf die sogenannte Strahlenmafia hat ein Mann (…) nach eigener Aussage wahllos eine Fußgängerin überfahren. Seit 20 Jahren werde er nachts von ihm unbekannten Menschen bestrahlt, sagte der Mann als Angeklagter im Mordprozess (…) aus. Nach Jahrzehnten dieser Qual mit Schlaflosigkeit und Herzrasen hätten die Ärzte dann im Februar 2017 als Folge Darmkrebs festgestellt. „Man hat das Recht sich zu wehren“, sagte der 57-jährige (…) am Montag.

Auf der Suche nach einem Opfer habe er vor dem tödlichen Crash eine Gruppe mit Kindern an einer Bushaltestelle verschont und auch zwei Jogger bewusst nicht angefahren, sagte er über jenen Tag im Dezember 2017 aus. Für ihn sei klar gewesen, dass er nur einen Menschen einer bestimmten Altersgruppe töten wollte.[1]

Ich hatte den Begriff „Strahlenmafia“ noch nie gehört und hielt ihn für eine irre Erfindung des Mörders. Doch das Internet belehrte mich eines Besseren:

Im Zigarettenrauch befinden sich ca. 250 giftige und über 50 krebserregende Stoffe (…). Zum Süchtigmachen werden 600 weitere Zusatzstoffe beigefügt. Die hochfrequente Strahlung der Strahlenmafia öffnet die Hirn-Blutschranke, damit diese und andere Gifte bewusst oder unbewusst dem Körper zugeführt werden, und auch ungehindert ins Hirn gelangen. Das Geniale dabei ist, dass die Menschen in Folge früher sterben, aber schon zu verblödet sind, um es noch wahrzunehmen. Deswegen wird es zu einer Explosion der Alzheimer- und Demenzkranken kommen.

Nach unseren Berechnungen werden in den nächsten 30 Jahren mehr Menschen frühzeitig durch die Folgen von hochfrequenter, flächendeckender Mikrowellen-Zwangsbestrahlung sterben, als beispielsweise unter den Nazis zu ihrer Blütezeit. Das Genialste dabei ist, dass der Strahlenmafia nichts nachzuweisen ist. Das ganze Langzeitprojekt läuft sanft und unblutig ab. Irgendwann im Laufe des Lebens beginnt durch den permanenten Zellstress der Dauerbestrahlung die Zellentartung, deren Entstehung dann alibimässig der Genetik oder anderen Umweltgiften zugeschrieben wird. Um die demografischen Probleme dieser Gesellschaft zu lösen, müssen die Menschen offensichtlich früher sterben. Gibt es eine bessere Lösung, als flächendeckende Zwangsbestrahlung durch Mikrowellen? Die Handys der neueren Generation (und auch die Tabletts) wurden durch stetig sich aktualisierende Apps zu Dauerstrahlern modifiziert, was den Zellstress noch viel massiver verstärkt. Durch die vermeintlich notwendige Dauerversorgung müssen auch die Aussenantennen weiter aufgerüstet und vermehrt werden. Durch die Zwangsinstallation der neuen Heizkosten- und Wasserzähler auf der Basis von Mikrowellentechnologie findet die Zwangsbestrahlung ihren Weg direkt in den eigenen Wohn- und Schlafbereich. Ein gigantisches Euthanasie-Programm, das seinesgleichen in der Weltgeschichte sucht![2]

Oder:

Das Video zeigt, wie man sich vor hochfrequenter Mikrowellenstrahlung, wie sie bei WLAN, DECT, Mobilfunk etc., also sämtlichen Methoden der flächendeckenden Zwangsbestrahlung, eingesetzt wird, mit einem feuchten Tuch günstig schützen kann. Diese Methode eignet sich bei schwacher bis mittlerer Zwangsbestrahlung. Bei naher Aussenantenne ist diese Methode als alleinige Strategie ungenügend! (…) Die flächendeckende Zwangsbestrahlung durch hochfrequente Mikrowellen zur Bekämpfung der Überbevölkerung feiert schon grosse Erfolge, auch wenn man dies nicht direkt wahrnimmt! Sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind oder Sie selber nicht in der Krebsstatistik landen! Verbannen Sie sämtliche Mikrowellenschleudern aus Ihrem Haushalt und Ihrem Leben! Entziehen Sie der Strahlenmafia und deren Koalitionspartnerin, der Pharmamafia ihre Existenzgrundlage![3]

Äh, ja, es ist ein feuchtes Handtuch, das vor der Strahlenmafia schützt. Und wenn das nicht hilft, dann fährt man aus Wut Unbeteiligte tot – keine Kinder, sondern potentielle Täter einer speziellen Altersgruppe, die kein Handtuch um den Kopf haben.

Wie soll man so jemand noch re-sozialisieren? Wie will man den Hinterbliebenen Trost zusprechen?

Es mangelt an der Aufklärung, an Bildung, an Vernunft. Überall, doch besonders hinter nassen Handtüchern.

 

 

 


 

 

 


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