Homo Magi 

Bändiger übernatürlicher Kräfte

19.08.2018

Hallo Salamander,

auch wenn man zu Jan de Vries geteilter Meinung sein kann, die Sprache, die er in „Die geistige Welt der Germanen“ verwendet, schlägt einen heute noch in den Bann.

Nehmen wir nur den Komplex Magie & Religion, an dem schon andere gescheitert sind. Was schreibt de Vries:

Der Unterscheid zwischen Religion und Magie wird in diesem Fall nicht durch die Art des Gegenstandes oder die Größe der ihm innewohnenden Kraft bestimmt, sondern nur durch die Haltung der Menschen ihm gegenüber; glaubt der Mensch an eine göttliche Macht, so müssen wir von Religion, denkt er nur an eine gewisse Zauberkraft, so müssen wir von Magie reden. Rein praktisch betrachtet braucht das nicht viel Unterschied zu machen: es kommt nur darauf an, welche Kräfte der Gegenstand in der Lage ist auszustrahlen. Glaubt der Mensch an eine wirkliche göttliche Macht, so wird ihm mit viel mehr Ergriffenheit, ja mit einer ganz anderen Gesinnung gegenüberstehen, als wenn er nur an eine rein magische Wirkung glaubt. In diesem letzten Fall wird er über die Zauberkraft des Gegenstandes nach eigenem Ermessen verfügen. Er kann durch bestimmte Manipulationen diese Kraft zwingen und wirksam machen; der Magiker ist ein Bändiger der übernatürlichen Kräfte, in dem echten Sinne des Wortes ein Zauberer. Dagegen wird der Gläubige einer Stätte, wo eine Gottheit haust, mit Ehrfurcht nähertreten und nur durch Verehrung das erwünschte Heil zu bekommen hoffen.[1]

Wenig später heißt es:

Religion und Magie stehen immer nebeneinander. Es ist nicht so, dass die eine sich aus der anderen „entwickelt“ hat. Man könnte sogar behaupten: wo ein Glaube fehlt, ist auch die Magie unmöglich. Nur sind ihre Wege, um zu ihrem Ziel zu gelangen, ganz andere als die der Religion. Bei einer magischen Handlung herrscht immer ein Kräftefeld vor, in dem der Zauberer zu einem magischen Objekt in Beziehung tritt, um dessen Potenz auf einen bestimmten Zweck zu richten. Es hängt von der Macht des magischen Menschen ab, ob er sein Ziel erreichen wird und mithin das Kräftefeld in einem von ihm gewünschten Sinne polarisieren kann. Bei einer religiösen Handlung steht nicht der Magiker, sondern die Gottheit im Zentrum des Kraftfeldes (…).[2]

Immer noch gut zu lesen … ein wenig überraschend, wenn man weiß, dass das Buch eigentlich von 1943 stammt …[3]

Dein Homo Magi

[1] De Vries, Jan „Die geistige Welt der Germanen“, Darmstadt, 1964³, S. 170

[2] S. 171

 

 

 

 


 

 

 


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