Homo Magi 

Bademäntel

10.02.2019

Lieber Salamander,

heute Morgen war es noch dunkel, als ich auf dem Weg zur Arbeit vor einer Tankstelle zum Stehen kam. Draußen lag Rauhreif auf den Büschen, das gelbliche Licht der Tankstelle leuchtete von der linken Seite gespenstisch auf den eisigen Pfützen.

Auf einmal kam eine Frau mit den nackten Füßen in den Sandalen, oben herum in einen blauen Flanellbademantel gekleidet, vor mir über die Straße. Auf dem Rücken trug sie eine braune Gitarrenhülle aus Plastik, die stramm – hoffentlich mit einer Gitarre und nicht mit Leichenteilen – gefüllt war. Sie trug eine braune Brille, wie man sie von Verwaltungsangestellten und Lehrerinnen kennt.

Zügig überquerte sie die Straße, von links und der Tankstelle kommend, und verschwand rechts in einem Gehweg zwischen zwei Reihenhäuserreihen. Ich folgte ihr mit meinen Blick verwirrt noch eine Weile lang, bevor die Ampel einige Wagen vor mir auf grün schaltete und der Verkehr weiter floss.

Meine Güte, was kann da für eine tragische Geschichte hinter stecken.

Irma F., nach dem Tode von Mann und Kind bei einem Autounfall tragisch in den Wahnsinn abgeglitten. Jetzt kauft sie jeden Morgen Zigaretten in der Tankstelle, nicht ohne vorher im warmen Verkaufsraum zur Gitarre „Das Lied von Bernadette“ zu singen.[1] Dann geht sie im Flanellbademantel zurück in ihre kalte Wohnung.

Oder es ist alles ganz anders. Irma F., vor einem halben Jahr von ihrem Freund wegen einer jüngeren verlassen, lernte gestern bei einer Singrunde (bei der sie Gitarre spielen sollte) Peter Q. kennen. Sie hatten eine heiße Liebesnacht, bei der er ihr die Kleidung vom Leib riss, so dass sie sich heute seinen Bademantel leihen musste, um kurz nach Hause zu gehen, um ihre Unterlagen für die Blitzhochzeit in Las Vegas zu holen.

Oder es ist alles noch ganz anders. Die Dryade Irmafa wurde nach tausendjährigem Schlaf wach, und dann …

Das alles Morgens im Auto, nach nur einem Kaffee. Aber eine Lösung der Frage, was das war, ist das auch nicht. Aber mein Tag war gerettet – immer mal wieder eigenartige Dinge, das hält einem am Leben. Danke, Schicksal!

Dein Homo Magi

[1] Ja, ich weiß, dass das kein Lied ist. Eigentlich meinte ich „Dominique“ (siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Sœur_Sourire; 05.02.2019), aber das fiel mir nicht ein. Man muss zu seinen Lücken stehen.

 


 

 

 

 

 


 

 

 


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