Homo Magi 

Qualitätsveränderung

07.04.2019

Hallo Salamander,

irgendwas passiert da draußen gerade mit der „magischen Energie“. Meine Wächterkreise (uralte Frauen, die seit Äonen und diversen Wiedergeburten die Aufgabe haben, den „Flux“ für mich im Blick zu behalten – oder eher ein Kreis von Menschen um mich herum, die mich informieren, wenn sie etwas spüren; man suche sich eine Variante aus) haben das auch erkannt.

Das letzte Jahr war bleiern. Nicht nur wegen der stillstehenden Bundespolitik mit allem, was für Deutsche daran hängt, wenn man (wie ich) mit Arbeiten an die Finanzierung durch den Bund bzw. die Länder gebunden ist. Aber es war auch eine Zeit der Unentschlossenheit. Die Flüchtlingskrise war dahingedümpelt, die Rechtsradikalen waren kein aktuelles Thema mehr, weil man sich an sie wie an leichte Zahnschmerzen zu gewöhnen schien. Das After brennt zwar noch auf der Toilette, aber man geht nicht zum Arzt, weil man sich schämt. So etwa fühlte sich unsere Demokratie für mich gerade an.

Und dann das neue Jahr. Die Hoffnung stirbt zuletzt, und so war mir die Hoffnung geben, dass dieses Jahr alles anders wird. Pustekuchen. Die Midlifecrisis macht sich zwischen 45 und 55 bei vielen Menschen breit und sorgt dafür, dass man auf einmal meint, lang liebgewonnene Dinge über Bord zu werfen. Vielleicht sind das die Bilder von Plastik im Walmagen oder der Gedanke daran, dass es vielleicht doch eine globale Erwärmung gibt, die man schwerer ignorieren kann als störende politische Bewegungen, die doch (so glaubt man) irgendwann von alleine weggehen. Pustekuchen.

Um mich herum beenden Menschen soziale Bindungen, weil sie sich überlegt haben, dass sie weder die Zeit noch die Energie noch den Willen haben, hier weiter mitzumachen. Realistisch werden wir alle älter und werden dann weniger neue Kontakte erhalten, als noch jetzt. Also wäre ich doch gut beraten, meine sozialen Kreise nicht zu verprellen. Aber in einer Endzeiterwartung, die etwas von sozialer Kamikaze hat, geschieht das Gegenteil.

Ich halte es für eine Qualitätsveränderung, die etwas mit Scham zu tun hat. In sozialen Gruppen müsste man über Ängste vor der Zukunft reden, über das Älterwerden allgemein und über Dinge, die einen beunruhigen. Kappe ich diese Kontakte und umgebe ich mich mit einem Netz aus unverbindlichem Geplauder, dann erspare ich mir das Echo meiner Gedanken durch den Freund oder guten Bekannten.

Weiterhin schaue ich verwirrt drein, aber ich habe es gelernt, das zu akzeptieren. Reisende soll man nicht halten und so weiter und so fort. Mein Tisch füllt sich trotzdem mit lieben Gästen, meine Gespräche werden nicht weniger dadurch, aber es tauchen zu meiner Überraschung ein paar neue Gesichter auf und alte Kontakte melden sich.

Zeitqualität halt. Irgendwie auch gut, auf jeden Fall interessant.

 

Dein Homo Magi

 

 

 

 

 


 

 

 


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