Homo Magi 

Schokolade

14.04.2019

Hallo Salamander,

manche Dinge, die man liebgewonnen hat, sind auf einmal fort. Nicht nur Menschen, sondern auch Orte.

Schon als Kind war meine Lieblingsschokolade eine Packung selbstgemachter Schichtnougat aus einem kleinen Café in meinem Heimatort. Der Chef selbst machte die Pralinen, den Kuchen, all die leckeren Dinge selbst. Oft stand ich an der Theke und drückte meine Nase platt, damit ich die Kostbarkeiten sehen konnte. Dazu kam, dass die ganze Familie sehr England-freundlich war. Es gab Tee in allen Sorten (immer ein gutes Geschenk), dazu konnte man sich auf Kaffee und Kuchen in das kleine Café neben dem Verkaufsraum setzen und sich an den Erdstößen erfreuen, wenn die Straßenbahn vorbei kam.

Die Familie wurde mir vertraut. Die beiden Kinder, die Ehefrau, mit der ich dann mehrere Male auf Jugendfreizeiten nach England fuhr. Am Ende war ich „Co-Leader“; ich glaube, den Begriff hat sie erfunden, um mir einen Gefallen zu tun. War schön mit ihr diese Fahrten zu machen, eine lehrreiche Erfahrung. Ich lernte Englisch und etwas über Menschen. Keine Details.

Vor ein paar Jahren starb sie und er wurde von Besuch zu Besuch bei ihm im Laden schwächer. Jetzt hat er den Laden geschlossen – aus Gesundheitsgründen. Eigentlich wollte er immer an der Theke sterben … diesen Wunsch konnte man ihm nicht erfüllen. Also bekam ich jetzt über die üblichen Kanäle die letzten englischen Kekse von dort und – was noch schlimmer ist – den letzten Schichtnougat. Meine Mutter hat jetzt im Ausverkauf noch ein Andenken erstanden, das war es.

Meine mentale Landkarte ist um einen Ort ärmer, den ich in meiner Heimat immer erinnern werde.

Seufz.

Dein Homo Magi

 

 

 

 

 


 

 

 


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