Homo Magi 

Abschiedsfeiern

07.07.2019

Hallo Salamander,

ein Freund von uns (falls er das je zu lesen kriegt: maximal guter Bekannter, Freund würde ihm viel zu nahe treten) erzählte vor ein paar Tagen vom Abschiednehmen einer kranken Kollegin.

Vor einigen Wochen hatte sie darauf bestanden, dass er zu einer Veranstaltung mit ihrer Familie dazu kam. Man stellte sich gegenseitig vor, unternahm etwas zusammen, Thema erledigt. Dachte er. Wenige Tage kam die Meldung von ihr, dass die Behandlung eingestellt wird. Sie hatte nur noch Tage, vielleicht Wochen zu leben. Als es dann um das Abschied-Nehmen und die Trauerarbeit ging, war ihm klar, was seine Kollegin getan hatte – sie hatte den Kontakt hergestellt, damit das nach ihrem Tod unproblematisch war und die verschiedenen Aspekte ihres Lebens sich kannten, bevor sie als Scharnier ausfiel.

Das gab mir nach über zehn Jahren den Schlüssel dazu, warum mein bester Freund darauf bestanden hatte, dass ich zu irgendeinem lästigen Familiengeburtstag in seinem Heimatdorf auftauchte. Er wusste von seinem Herzfehler, niemand sonst. Wir fanden die Briefe in seinem Nachlass, die Arztschreiben, die Untersuchungsergebnisse.

Er hatte nichts anderes getan, als er realisierte, dass er keine endlose Lebenszeit mehr übrig hatte. Die verschiedenen Aspekte seines Lebens wurden nur durch ihn zusammengehalten. Alle Teile, alle Fragmente habe ich nie kennengelernt, aber nach seinem Tode war ich (wie von ihm gewollt) der einzige, der seinen Nachlass verteilen konnte. Er hat es nicht über sich gebracht, es mir zu sagen. Aber jetzt, viele Jahre später, habe ich verstanden, dass er es mir gezeigt hat.

Danke.

Dein Homo Magi

 

 

 

 

 


 

 

 


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