Homo Magi 

Heidi(n) im Heiderausch

11.08.2019

Hallo Salamander,

da marschierten wir gerade den beeindruckend schönen Steinkreis von Avesbury[1] ab und ergötzten uns an der wunderschönen Landschaft.

Doch man kann als deutscher Heide im Ausland nicht sicher sein, wenn andere deutsche Heiden auch in Urlaub sind. Es war heiß und vor uns war ein wunderschöner Baum zu sehen, der seine belaubten Äste weit und hoch ausstreckte, um damit einen kühlen Schattenraum zu erzeugen. Leider war dieser Schattenraum belegt.

Es war eine deutsche Reisegruppe von mehrheitlich Frauen, die hier gemeinsam unter der Anleitung einer schwäbisch sprechenden Anleiterin die „Kräfde desch Baumsch“ spüren sollten, sich „bisch dief in die Wurscheln hinab“ fühlen sollten, um ein wenig der Energie in sich aufzusaugen. Und kühl zu sitzen, während um sie herum die von ihnen (?) aufgehängten unverrottbaren bunten Plastikbänder im lauen Wind schwangen.

Ich setzte mich brav dazwischen, immerhin kann ich mich in der Fremde als Fremder tarnen. Ich wurde Ohrenzeuge, wie man aufgefordert wurde, nachher „bei dem Schdefan“ noch „eine Rune tschu ziehen“, damit man im Mythenmoor versinken kann – wissend, was die Zukunft bringt. Nur mal so: Die Aufsteller der Steine hier dort von den Runenerschaffern zeitlich deutlich weiter entfernt als wir von den Runenerschaffern, aber ich genoss den Schatten und hoffte darauf, dass es bald vorbei wäre.

Nein, die Meisterin erklärte dann, dass jetzt der Punkt gekommen sei, wo man seine Wünsche auf einen Brief schreibt, diesen versiegelt und ihr gibt, damit sie in einem Jahr, wenn man wieder hier ist, auf Wunsch die Wünsche vorliest und man gemeinsam klärt, ob der Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Leider hat sie die Briefe aber im Hotel liegen lassen, weswegen man das morgen beim Frühstück … wie romantisch! Wie heidnisch! Wie energetisch! „Du, Schuschanne, kannschd du mir mal die Marscharine und meine Wünsche vom ledschden Jahr reichen?“

Wenn man glaubt, es geht nicht schlimmer: Auf der Weiterfahrt machten wir auch eine Wanderpause ein Stück hinter dem Silbury Hill[2]. Da standen sie gegenüber des heiligen Bergs verbotenerweise am Straßenrand im Parkverbot und zogen sich um, damit sie sich in Orange und Dunkelgelb (nicht gelogen!) dem heiligen Berg nähern konnten. Der ja – wie wir alle wissen – schon immer mit Orangen und Zitronen in Verbindung stand. Ebenso mit dem Dodo, Zigarren und Polonium. Sollte man wissen.

Ich hoffe sehr, dass mich alle anderen Zeugen der Ereignisse, die Deutsch verstehen, für einen Inder gehalten haben. Namaste!


 

 

 

 

 


 

 

 


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