Homo Magi 

Nebel

13.10.2019

Lieber Salamander,

es ist Herbst. Endlich.

Mein morgendlicher Arbeitsweg führt durch Nebelfronten, die sich die ganze Fahrtstrecke nicht heben. Nebel ist irgendwie … mystisch. Er ist dies nicht nur, weil er die Umgebung verdeckt und dafür Sorge trägt, dass alles im selben milden Licht badet. Sondern er verhüllt auch passenderweise alle jene Dinge, die man nicht sehen will.

Oder schützt er gar vor unseren Blicken all jene Dinge, die wir sehen wollen? Ist es nicht viel eher so, dass der Nebel Dinge verdirbt, die wir genau nicht mehr sehen können? Befinden sich meine glücklichen Kindheitstage hinter dem Nebelfeld – meine Großmutter bringt mir einen warmen Kakao, während ich auf ihrer braunen Couch zusammengerollt liege und begeistert irgendein Buch schmökere? Oder sind es die Stunden mit dem kleinen Patrik auf dem Schoß, während wir gemeinsam „Der Hofnarr“ schauen und uns beide köstlich amüsieren?

Ist es vielleicht eine viel mystischere Welt – hebt sich der Nebel gleich, damit ich die Reihen von Skelettkriegern sehen kann, die sich mit rostigen Rüstungen bewehrt mit ihren schartigen Schwertern auf die Autofahrer stürzen und die ganze Bundesstraße von menschlichem Leben säubern, bevor sie wieder im Nebel verschwinden? Sind es Drachenreiter, die sich kopfüber von einem auf einem spitzen Felsen gelegenen Schloss stürzen, um die Kunde von der Hochzeit des Thronfolgers in alle Königreiche zu tragen? Oder ist es doch eine wüstenartige Steppe, die hinter dem Nebel verborgen liegt, über der ein diskusförmiges Raumschiff schwebt, dass Alpha Centauri, Antares und Rigel auf seinem Fahrplan hat?

Da ist er dann wieder, der Nebel. Zuckerwatte der Phantasie, Kissenfüllung des Märchens, Webstoff der Sage.

Herbst. Danke.

Dein Homo Magi

 

 

 

 

 


 

 

 


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