Homo Magi 

Arztbesuche

15.12.2019

Hallo Salamander,

es gibt für chronisch Kranke wenig Dinge, die so sehr an Fernsehserien aus den sechziger Jahren erinnern wie regelmäßige Arztbesuche. Das „setting“ ist klar – die kleine Familie in dem netten Haus am Rande der Prärie, der freundliche Facharzt mit den netten Sprechstundenhilfen. Dann kommt die Rahmenhandlung – vom Aufgehen der Sonne hinter den Bergen bis zu „Gute Nacht Haus“ oder aber von der namentlichen Begrüßung bis zum Handschlag am Ende.

Ich komme mit den Herren in Weiß gut klar. Sie nehmen mich nicht ernst, ich nehme sie nicht ernst. Auf gute Zusammenarbeit. Alle drei Monate schauen wir in meine Blutwerte, lachen einmal laut und dann sehen wir uns wieder drei Monate nicht.

Dieses Mal war es anders. Mit gramgebeugtem Gesicht verwies der Arzt auf eine Grafik auf seinem PC-Bildschirm, auf der zu erkennen war, dass mein Blutwert X (oder auch Y, ich habe hier nicht vor, meine Blutgeheimnisse[1] hier Arzt-kompatibel zu schildern) sich mehr und mehr dem Ende nähert und ein langsamer, schmerzhafter Tod mein ist. Ich schaute ein zweites Mal auf die Grafik. Dann ich auf die langsam nach unten hoppelnde Linie.

„Ihnen ist schon klar, dass das hier unten nicht die 0-Linie ist!“ Grafikprogramme sind für den Satan gemacht.

Er schaute verdutzt auf den Rechner, schüttelte verwirrt den Kopf, schaute erneut.

„Wenn meine Blutwerte gleichbleibend schlechter werden – wann bin ich dann sicher tot?“, hakte ich nach.

Einen Moment lang rechnete er im Kopf nach. „Noch 65 Jahre!“

„Okay, dann komme ich in 40 Jahren zur Nachuntersuchung.“

Natürlich komme ich in drei Monaten wieder. Mal sehen, was ihm das nächste Mal einfällt. Langeweile ist anders.

Dein Homo Magi

[1] … tolles Wort

 


 

 

 

 

 


 

 

 


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