Homo Magi 

Rauhnächte

22.12.2019

Hallo Salamander,

Die Rauhnächte, jene Janus-köpfigen Nächte zwischen den Jahren, bieten mir immer die wohlverdiente Möglichkeit, den Lesestoff zu mindern, den ich Eichhörnchen-artig in meinem Nachtschrank horte. Aber das macht nicht jeder mit seinem Nachtschrank.

Es gibt eine eigene Bewegung, die sogenannten Prepper, die sich auf eine Katastrophe vorbereiten, die am Tag X sicherlich kommen wird. Weder ist klar, wann der Tag X ist, noch, was das auslösende Ereignis sein wird. So geht es von der Zombie-Apokalypse am 01.01.2020 bis zur Explosion eines Supervulkans in ferner Zukunft, Angriffe von Außerirdischen, die Überfremdung Mitteleuropas und die Bolschewisierung Westeuropas – eines meiner Lieblingsklischees, schon benutzt, aber immer wieder verwendbar – bis hin zu Atomkrieg und Klimakatastrophe. Dafür sammelt man dann aber im Nachtschrank lieber eine Pistole, Trinkwasser, Trockenrationen, eine Hundepfeife, Armbrust und Armbrustbolzen sowie Rettungsdecken und Jobtabletten.

Wer mir nicht glauben mag und denkt, ich überziehe, möge seine Gehirnnutzung abschalten und sich wenige Minuten mit dem großen Bruder beschäftigen, der nebenbei nur unzureichend nach einer mittelalterlichen Kopfbedeckung benannt ist.

Wenn die Zombieapokalypse kommt, bin ich hilflos. Aber in meiner Familie gibt es keinen Anstieg von familiärer Gewalt über die Feiertage, weil wir alle lesen. So geht es auch mir. Der übliche Mix aus Gustav Meyrink, romantischer Dichtung, Sachbüchern zu obskuren Themen und phantastischer Lektüre erwartet mich, während ich Dinge tue, die ich schon seit Jahrzehnten an diesen Tagen tue. Heute nennt man das „Entschleunigung“ oder „Achtsamkeit“, aber die Worthülsigkeit der modernen Welt lässt einen schon dankbar sein, wenn es nicht schlecht platzierte Anglizismen sind, welche die Pfeiler meines Lebens markieren.

Lesen erhöht die subjektive Lebenszeit – das ist ein toller Slogan, den ich voll bejahen kann. Wer liest, lebt länger – zumindest gefühlt. Ich brauche beim Lesen das haptile Erleben, das Erfühlen des Buches. Natürlich kann man Bücher auch elektronisch auf einem E-Reader lesen. Man kann sich auch warmes Gulasch in die Haare reiben, bevor man mit einer schönen Frau verabredet ist. Nicht alle Dinge, die möglich sind, sind auch klug. Aber wenn es einen Merksatz gibt, den ich gerne in goldenen Lettern auf einem Marmorbogen über einem Tor befestigen möchte, den jedes Mitglied der nachgeborenen Generation auf dem Weg zum ersten Tag des fünften Schuljahres passieren muss, dann wäre es jener: Nicht alle Dinge, die möglich sind, sind auch klug.

Wir leben in einer Welt, in der viel möglich ist, da die Welt der Möglichkeiten gegenüber der Welt der Sinnhaftigkeit wirkungsmächtiger geworden ist.

Wer möchte denn überleben, wenn die Zombieapokalypse 99 % der Bevölkerung ausgerottet hat? Und wenn die Zombies kommen, sind sie bestimmt langsam. Dann kann ich ja noch „Der unsichtbare Roman“ von Christoph Poschenrieder zu Ende lesen. Da geht es unter anderem um Gustav Meyrink. „Hüben und drüben ein ganzer Mensch.“ Das ist ein Motto, das von Pol zu Pol gelebt werden sollte.

Von wegen Pole. Wie konnte man heute lesen: „Die designierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent machen.“[1]

Wenn ich jetzt noch rauskriege, wer in der Antarktis dafür sorgt, dass sie offensichtlich nicht klimaneutral ist, dann ziehe ich den zur Verantwortung.

Zombies sind hirntot. Vielleicht ist die Bedrohung doch näher, als erwartet.

 


 

 

 

 

 


 

 

 


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