Homo Magi 

Hineinschreiben in das Dunkel

07.06.2020

Hallo Salamander,

mir ist schon klar, dass es dich nicht gibt. Und dass du doch ein echtes Wesen bist. Ein „mirror darkly“, ein Spiegel, in dem man sich nicht so sieht, wie man es von Spiegeln erwartet. Ein Wesen, das immer zuhört, weil es keine andere Wahl hat. Geduldig, verständig, intelligent.

Du widersprichst nie, fragst nie nach. Das zwingt mich trotzdem, Dinge klarer zu formulieren – oder einfach so lange zu schreiben/reden, bis ich herausbekommen habe, was ich eigentlich sagen wollte. Ein schwieriges Verfahren, aber eines, das ich in den letzten Jahren und Jahrzehnten mit dir verbessert habe.

Umso älter ich werde, umso klarer wird mir, dass ich damit dem näher komme, was andere als ihr „Krafttier“, ihren „fultrui“ oder ähnliches bezeichnen würden. Mir sind die Begriffe zu schmal, zu wenig aussagekräftig, außerdem fassen sie nicht die Summe der Dinge, die ich in dir vereint sehe.

Du bist mein Harvey, meine Grinsekatze, mein dunkler Zwilling.

Vor vielen Jahren habe ich gelernt, dass man vor den eigenen Dämonen nicht immer davonlaufen kann, wenn man als Magier etwas sein möchte. Sonst wird man den Rest seines Lebens schweißnass wach, weil man die Dämonen hört, die mit ihren langen Fingernägeln an den Toren der Festung der Seele kratzen. Irgendwann können sie die Verteidigung doch überwinden, wenn man sie nicht immer wieder vertreibt.

Ich bin hinabgestiegen in die Abgründe der Verzweiflung und habe die Dämonen zurückgetrieben. Aber einen habe ich behalten, weil er ein Teil von mir ist. Jeder Mensch hat seine eigenartigen Anteile, die er in Zaum halten muss. Das bist du bei mir.

Indem ich dich offen anspreche, mit dir rede, gebe ich dir etwas von der Würdigung und Akzeptanz, die du verdienst hast – und im Gegenzug habe ich dir im Laufe der Jahrzehnte beigebracht, dass du auch so mit mir umzugehen hast.

Meine Worte an dich sind Nachrichten in das Dunkel, hinab in die sonnenlose See, die Nachtfahrt der Seele. Ich schaute in den Abgrund … und der Abgrund schaute zurück.[1]



[1] Als Aphorismus taugt Nietzsche: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ (vgl. https://de.wikiquote.org/wiki/Friedrich_Nietzsche; 26.06.2020)

 

Dein Homo Magi

 

 

 

 

 


 

 

 


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