Homo Magi 

Was man als angehender Heide so alles erleben und überleben kann

14.06.2020

Volker Meyer
Was man als angehender Heide so alles erleben und überleben kann

Eine humorvolle Suche im Neuheidentum

Book on Demand, Norderstedt (2020)

In 16 kleinen Kapitel auf insgesamt etwas über 100 Seiten stellt Volker Meyer seine Suche nach einer heidnischen Gruppe, deren Mitglieder sich regelmäßig reinigen und als Bonus noch einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen, in mehr oder weniger humorvollen Szenen dar. Diese Ansatz habe ich nicht erfunden, der Verfasser schlägt sich immer wieder herum mit „irgendwelchen selbsternannten »Druiden«, heidnischen Gralswächtern, sonstigen Oberheiden, Heidenhippies, Baumknutschern und natürlich heidnischen Bastlern“[1], denen er als Bürger einer der wenigen urbanen Zentren Deutschlands anfangs schutzlos ausgeliefert ist. Nichts gegen Großstadtbewohner, aber gerade diese urbane Orientierung führt aber dazu, dass der Autor gegenüber eher ländlich aufgestellten, heidnischen Rückzugsorten (hier: Ostwestfalen) kritisch eingestellt zu sein scheint, was man aber entweder auf seine eheliche Vorprägung oder auf den üblichen eingeschränkten Horizont des Metropolisten zurückführen kann.[2]

Das Ganze wäre für mich als Leser noch lustiger, wenn ich nicht manchmal die Galle herunterschlucken müsste, weil einem beim Lesen ein Kloß im Hals stecken bleibt, weil man die Geschichte kennt oder – schlimmer noch – miterlebt hat. Aber zu anderen Gelegenheiten kann man dann auch herzhaft lachen, wenn man dabei war. Sehr schön ist die Schilderung der Begebenheiten in der Kellerkneipe zu Ostara auf Burg Ludwigstein, wo nach dem Genuss mehrerer „Zombies“ eine deutsch-schwedisch-englische Unterhaltung ohne Übersetzung problemlos möglich war.[3] An anderer Stelle habe ich natürlich keine Ahnung, wer „Vereinsmitglied Q“ sein könnte, „bekannt als brennender Verehrer des Delling“[4]. Manchmal hilft nur leugnen.

Wenn man jetzt noch bedenkt, dass der Verfasser offensichtlich Probleme damit hat, nicht zu wichtigen oder unwichtigen Hochfesten entweder seine Gruppe oder sich selbst in Brand zu setzen (das Buch ist voll von einer kaum verborgenen Feuer-Metaphorik, die der Autor wissentlich oder unwissentlich auch „befeuert“), so versteht man, dass der „brennende Verehrer“ in mir Angststörungen auslöst.

Aber nicht das ganze Buch ist feurig unterlegt. Schön sind auch die Momente, in denen der Verfasser als erweckter Heide mit T-Shirts Werbung für den „Eldaring“ auf einer Sportveranstaltung machen möchte, aber wohl eher auf Erdinger Bier oder eDarling angesprochen wird, wobei Bier und Beziehung nun nicht unheidnische Themen sind, aber hier wohl nicht gemeint waren.[5] Oder seine Ausführungen zum Konflikt des heidnischen Kalenders mit den Arbeitsbedingungen moderner Menschen, die pragmatisch, aber offensichtlich unorthodox gelöst werden.

Alles in allem ist es auch die humorvolle Sprache des Verfassers, die einen dazu bringt, schmunzelnd dieses Buch ab und an zur Seite zu legen, um sich die Nase zu putzen, weil sonst die Tränen der Rührung gemeinsam mit den Tränen des Amüsements drohen, die Sicht zu verschleiern. Ein Beispiel sei zitiert:

Ich empfehle aus meiner Erfahrung heraus Kinder, wenn sie das denn auch wirklich aus freien Stücken heraus selber wollen, ruhig zu kindgerechten, angemessenen Tageszeiten zu Blots mitzunehmen und wenn sie verspricht sich zu benehmen auch die dazugehörende Mutter ebenfalls mitzunehmen. Jemand muss ja auch schließlich das Auto zurückfahren, wenn der Gatte die Situation ausnutzt und etwas mehr Opfermet und Bier trinkt.

Natürlich habe ich mich für diese Sätze sofort nach der Niederschrift in die Wohnzimmerecke gestellt und nicht fünf Minuten lang geschämt.

Meine Empfehlung: Kaufen, bevor einer der geschilderten Ritualkreise das Geld für einen bosnischen Auftragskiller zusammengekratzt hat, mit dem man den Autor ausschalten möchte.

Hermann Ritter

[1] S. 20

[2] Vgl. S. 90 f.

[3] Siehe S. 16 f.

[4] S. 36

[5] Vgl. S. 54 ff.

 


 

 

 

 

 


 

 

 


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