Homo Magi 

Yma Sumac

21.06.2020

Hallo Salamander,

es ist eigenartig. Ich kann mir Farben und Bilder schwer merken, aber Bewegungen, Musik und – in etwas geringerem Umfang – Buchrücken und -titelbilder großartig. Dann kommen Texte, die ich immerhin über Jahrzehnte gut memoriere, aber nicht so gut wie Bewegungen und Musik.

Daher kommt es auch, dass Bewegungen (oder einfach nur Schrittfolgen, die ich aus der Entfernung wiedererkenne) bei mir wie Musik Erinnerungen auslösen. Und das Berühren von Büchern, das haptile Erleben, das Anfassen des Fassungslosen, das ist für mich einfach eine wundervolle Freude.

Eine ganz besonders prägende und irgendwie auch banale musikalische Erinnerung bindet mich an die Stimme von Zoila Augusta Emperatriz Chavarri del Castillo. Kennt kein Mensch, ist nicht schlimm. Der Bühnenname der Dame war Yma Sumac[1], unter diesem Namen war sie deutlich bekannter.

An mir war sie jahrzehntelang vorbeigegangen, obwohl ich eigenartige Musik schätze. Bis dann ein Freund von mir in Wien mich in sein Wohnzimmer führte und mir sagte, er hätte kurz was zu tun. Aber ob ich Lust hätte, mir etwas anzuhören. Ich nickte, er lächelte. Im Hinausgehen drückte er den „Play“-Knopf des Kassettenrecorders.

Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, bis er wieder kam. Ich war gebannt in dieser Stimme, diesen hinauf- und hinabkletternden Oktaven, diesem Trällern, der magischen Kraft dieser Melodien.

Seine Mutter hatte ihm Vorhänge gemacht, auf dem die Umrisse von Fantasy-Kontinenten (nach den Karten des Wieners Erhard Ringer[2]) gezeichnet waren. Diese Mutter hatte sich große Mühe gegeben und bis heute sind die Vorhangsversionen der Karte von Kregen[3] und der von Melniboné[4] Standard meiner Erinnerung. Ich weiß noch, wie das Zimmer gerochen hat, ich erinnere mich an die unfassbaren Butter-Vanille-Kekse, an Kregen, an die Karten in der Machart von Erhard Ringer, dazu die Stimme von Yma Sumac.

Das Leben hat glücklicherweise nicht zu viele dieser Momente für mich übrig, sonst würde meine Seele platzen vor Freude.

Und jedes Mal, wenn ich Yma Sumac höre, bin ich wieder dort. Danke dafür, altes Haus.

Dein Homo Magi

 


 

 

 

 

 


 

 

 


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