Homo Magi 

Germanische Wattestäbchen

05.07.2020

Hallo Salamander,

langsam nehmen sie überhand: Die Menschen in meinem Umfeld, die sich Wattestäbchen in den Rachen schieben, um dann per angeblicher Erbgutauswertung damit Werbung machen zu können, dass sie jüdisches, germanisches, lemurisches oder skandinavisches Blut in ihren Adern haben.

Die Werbung ist gut gemacht. Auf der Seite eines der Anbieter heißt es:

Wo haben deine Vorfahren gelebt? Welche Menschen teilen heute noch DNA mit dir? Über eine Speichelprobe analysieren wir deine DNA und gleichen diese mit über 16 Millionen Menschen ab, die den AncestryDNA®-Test bereits gemacht haben. So können wir dir die Gegenden aufzeigen, an denen deine Geschichte begann, und dich mit Verwandten auf der ganzen Welt verbinden.[1]

Natürlich ist das alles ganz toll. Und diejenigen Menschen, die immer über Datenschutz reden und seine Einhaltung einklagen, können doch nicht wollen, dass verhindert wird, dass hier entwurzelte Menschen mehr über ihre Herkunft erfahren. Oder? Nein, will ich nicht. Ich möchte nur zart darauf hinweisen, dass es drei Probleme gibt.

Das erste ist wissenschaftlich (nein, ich bin kein Biologe und habe von Erbgut wenig Erfahrung). Aber der Abgleich mit Proben (siehe das Zitat oben) ist kein Gegentest gegen eine erst objektiv wissenschaftlich erworbene Datenbasis (und natürlich sind die Bevölkerungsgruppen nicht Jahrtausende unter ihrem heutigen Namen an ihrem heutigen Wohnort verblieben).

Der zweite ist religiös (nein, ich bin kein Priester). Wenn wir uns damit beschäftigen, unsere Ahnen zu ehren – verlieren unsere bisher subjektiv gemachten Erfahrungen an Wert, wenn sie jetzt vermeintlich objektiv andere Ahnen ergeben? Muss ich den Samstag heiligen, wenn man jüdische Genspuren an mir findet? Bin ich adoptiert, ein ausgesetztes Königskind, ein außerirdischer Hybrid? Wer will das wissen?

Der dritte ist politisch (ja, ich war einmal Datenschutzbeauftragter). Es gibt schon mehrere Fälle, in denen Morde aufgeklärt worden sind, weil man Spuren mit freiwilligen Einträgen von anderen Menschen in Datenbänken von Stammbaumherstellern verglichen hat.

Beweise gefällig? Relativ wahllos:

The killer‘s semen sample was sent to United Data Connect who then uploaded it to Family Tree DNA.

Stunningly, it was revealed that someone related to the suspect had also put their results on the database after they had taken a genetic genealogy test.[2]

Oder hier:

It also marked the latest triumph for a new, controversial branch of DNA testing that has used public genealogy sites to close scores of lingering cold cases, while identifying high-profile suspects like the Golden State Killer.[3]

Als wir „1984“ lasen, hielten wir es für unmöglich, dass sich Menschen in Freiheit in ein System verändern lassen, das dem des Romans auch nur ähnelt. Wir konnten nicht ahnen, dass keine 40 Jahre nach dem Jahrestag des Buches alle diese Dinge freiwillig, ohne Vergütung und ohne das Gefühl, etwas Gefährliches getan zu haben, gemacht werden. Von Menschen, die ich eigentlich schätze.

Der Große Stammbaum sieht auch dich.

 


 

 

 

 

 


 

 

 


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