Homo Magi 

Regale

04.10.2020

Lieber Salamander,

nur ein Bibliophiler (wie ich) kann verstehen, was es heißt, wenn man nach Monaten des Wartens wieder Bücher in Regale stellen kann. Seit meinem 19. Lebensjahr (wichtiges Datum: Auszug daheim) das erste Mal, dass ich eine Chance habe, alle Bücher einreihig zu stellen. Bis jetzt war in meinem Leben der büchermenge-Regallänge-Quotient immer zu meinen Ungunsten verteilt. Jetzt … nicht mehr.

Sollte ich jemals einen Tempelentwurf machen (was die Götter verhüten mögen, weil dafür bin ich nicht gemacht), so enthält mein Andachtsraum Bücherregale. Und sei es nur, damit man die wichtigsten Referenzwerke ausstellen kann.

Bei der Wartezeit auf meine Regale liegt es nicht daran, dass ich dieses Mal auf den Schutzgott des nordischen Bauens (Ikea, einen Ziehsohn von Delling, wie man vermuten muss) verzichtet habe, sondern daran, dass ich in einem Anfall von geistiger Umnachtung gesagt habe, meine Regalstützen mögen an den Weltenbaum erinnern.

Also werden diese jetzt liebevoll in Vollmondnächten von Adepten aus geweihtem Holz geschlagen, dann mit kleinen Miniaturwerkzeugen in Form gebracht, später mit Leinöl behandelt und solange von minderjährigen Priesterinnen geschmeidig poliert, bis sie optimal aussehen. Ich bin dankbar.

Wer Schönheit will, der muss leiden.

Aber ich habe jetzt die ersten Bücher eingeräumt (will heißen: die ersten 16 Meter). Wenn ich den in die Finger kriege, der die alle gekauft hat … seufz.

Aber es geht aufwärts. Oder horizontal, wie auch immer.

 

Dein Homo Magi

 

 

 

 

 


 

 

 


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