Homo Magi 

Satans Thron

18.10.2020

Hallo Salamander

es gibt Momente, wo man sich überlegt, ob man nicht schon längst in der Kulisse zu einem pulpigen Horror-Film lebt und nicht mehr in der sogenannten Realität.

Folgender obskurer Artikel erschien vor einigen Tagen online:

Nach Recherchen von ZEIT und Deutschlandfunk wurde am 3. Oktober 2020 auf der Berliner Museumsinsel einer der umfangreichsten Angriffe auf Kunstwerke und Antiken in der Geschichte Nachkriegsdeutschlands verübt.

Ein oder mehrere unbekannte Täter bespritzten mindestens 70 Objekte im Pergamonmuseum, im Neuen Museum, in der Alten Nationalgalerie und an anderen Standorten mit einer öligen Flüssigkeit, die sichtbare Flecken auf ägyptischen Sarkophagen, Steinskulpturen und Gemälden des 19. Jahrhunderts hinterließ. Mehr als zwei Wochen lang wurden darüber weder die Öffentlichkeit noch andere möglicherweise gefährdete Museen informiert.

(…)

Der Verschwörungsideologe Attila Hildmann hatte im August und September auf seinem öffentlichen Telegram-Kanal verbreitet, dass sich in dem zu diesem Zeitpunkt noch coronabedingt geschlossenen Pergamonmuseum der »Thron des Satans« befinde und es das Zentrum der »globalen Satanisten-Szene und Corona-Verbrecher« sei: »Hier machen sie nachts ihre Menschenopfer und schänden Kinder!«[1]

Wie bitte? Es bedarf schon einer eigenartigen Mentalität, um für eine Tat sofort Verschwörungsideologen verantwortlich zu machen, die in einer sehr verschwurbelten Erklärung das Pergamonmuseum zum Thron des Satans machen. Kann man machen, muss man aber nicht. Wenn man weitere Texte dieses Verschwörungsidelogen liest, dann wird einem klar, dass es hier weniger um politisch begründete Propaganda geht, sondern eher um eine nicht unbedingt mit den Fakten der Weltgeschichte übereinstimmende Weltsicht geht:

Am 23. August, als das Pergamonmuseum coronabedingt noch geschlossen war, teilte Hildmann auf seinem Telegram-Kanal einen WhatsApp-Beitrag mit den Sätzen: »Am Samstag muss das Allerheiligste dieser Satanisten abgerissen werden! Das Pergamon Museum, der Baal Tempel! Das ist der Ursprung allen Übels hier auf der „Erde“!«[2]

Das ist dann schon mehr als eigenartig. „Babylon Berlin“ zeitigt hier eigenartige Folgen, wenn Pergamon, Baal, Satan und Berlin alle am selben Ort stattfinden.

Viel irrer finde ich, dass über zwei Wochen lang niemand von diesem Anschlag in der Öffentlichkeit wusste, dass man in mehrere Museen eindringen kann, um dann 70 Objekte zu beschädigen – und die sonst allgegenwärtigen Wächter und Überwachungskameras haben nichts aufgezeichnet.

Oder stehen an einem Feiertag wie dem 03. Oktober die Türen von Museen einfach offen, man kann sich eine Kleinigkeit für die Wohnung aussuchen oder einfach ölige Flüssigkeiten herumspritzen, wenn man zuhause Langeweile hat? 

Und der Anschlag steht wohl nicht allein. An anderer Stelle kann man Folgendes lesen:

Mindestens eine Stunde lang müssen die Täter durch die Räume gegangen sein, um alle Kunstwerke auf der Museumsinsel erreichen zu können, wie der Deutschlandfunk errechnet hat. Es soll ähnliche Attacken mit ölhaltiger Flüssigkeit schon auf der Wewelsburg in Nordrhein-Westfalen gegeben haben sowie in Berlin. Damals habe es einen „kultischen Hintergrund“ gegeben.[3]

Und noch ein anderer Artikel beschreibt hier Parallelen:

In einem Museum in Nordrhein-Westfalen hat es im Sommer einen Vandalismus-Fall gegeben, der an die Attacke auf der Berliner Museumsinsel erinnert. Damals hatte ein Unbekannter etwa 50 Objekte im Kreismuseum Wewelsburg mit einer ölhaltigen Flüssigkeit beschädigt – nach Angaben des Museums entdeckten Mitarbeiter dies am 12. Juli. Beschädigt wurden etwa historische Grenzsteine, Kaminsimse und die Reproduktion eines Gemäldezyklus. Es habe sich kein Muster feststellen lassen, sagte der stellvertretende Leiter des Museums, Markus Moors, der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag.

Die Exponate seien mittlerweile restauriert. In dem Schloss in Büren sind das Historische Museum des Hochstifts Paderborn und eine NS-Gedenkstätte untergebracht. Beim Berliner Fall wurde das Museum hellhörig. »Das hat natürlich eine Ähnlichkeit«, sagte Moors. Die Polizei Paderborn hatte den Täter nach eigenen Angaben nicht fassen können. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Von einem politischen Motiv waren die Fahnder nicht ausgegangen.[4] 

Was lernen wir daraus?

Wer eine NS-Gedenkstätte beschädigt, hat wahrscheinlich keine politischen Motive.

Museen in Berlin werden nicht oder sehr unzureichend bewacht.

Auf der Museumsinsel in Berlin wohnt der Teufel.

Die Information der Öffentlichkeit wird überschätzt.



 

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