Homo Magi 

Fragmentierung

14.03.2021

Hallo Salamander,

Ich beobachte schon länger eine Fragmentierung der Gesellschaft anhand von mehr oder weniger willkürlichen Linien und Grenzen. Was in den letzten Monaten aber dazu kam, war die moralische Überheblichkeit, mit der sich bestimmte Kleingruppen in diesem Zeltlager der Mentalitäten zu Wächtern und Richtern über andere aufgeschwungen haben.

Die Systematik der Trennungen wird immer schwieriger nachvollziehbar. Diskutierten wir vor zwanzig Jahren noch, ob man Menschenaffen, Wale und Delfine in die große Gruppe der zu schützenden, sich selbst bewussten Wesen dazuzählen sollte, so ist das Pendel jetzt in die Gegenrichtung geschwungen.

Neben einer Teilung anhand von mehr oder weniger objektivierbaren Kriterien (die unsägliche Frage nach der Hautfarbe steht hier ganz oben) und der Zugehörigkeit zu einer benachteiligen oder bevorteilten Kultur/Gruppe/Religion (hier öffnet sich die Schere weit vom „Zigeuner“ zum WASP, dem „white anglo-saxon protestant“), neben der Fragen nach der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht (mit allen Wahlmöglichkeiten dazu), der sexuellen Ausrichtung, kommen noch weiter Faktoren wie die politische Ausrichtung, das Sprachverhalten/die verwendete Sprache (vom gendern über Dialekte bis hin zu Muttersprache), Einkommen und Bildungsgrad; alles dies sind Faktoren, die Kanäle graben und Inseln erzeugen, auf denen die dort hausende Minderheit immer kleiner wird. Der heterosexuelle Mann mit deutschem Hintergrund (ich mochte nicht über „Menschen mit Nazihintergrund“[1] diskutieren, das ist unter meinem Niveau), der einen guten Bildungsabschluss besitzt und sich weigert, Sternchen oder andere Gender-Zeichen mitzusprechen (also: ich), der findet sich zwar auf einer nicht gerade kleinen Insel wieder, nachdem er erkannt hat, wo die Gräben liegen, die ihn von anderen Sapiens trennen – aber nähert er sich einem der Gräben, um diesen zu überqueren oder auch nur um zu versuchen, mit den Insulanern hinter dem Graben zu reden, so wird er schnell zu einer Summe seiner Defizite (nicht-fremd, nicht-farbig) anstatt zu einer Summe seiner positiven Attribute (redewillig, verhandelbar, neugierig).

Ich wäre sofort bereit, den Menschenaffen des Stimmrecht zu geben, selbst das Auszählen von nach Parteiemblemen geworfenen Bananen dürfte sinnhafter sein als die Diskussion ohne Netz mit doppeltem Boden, bei der ich alles falsch machen kann, und es keinen Weg hinaus aus dem Labyrinth der Zuordnungen gibt, der richtig ist. Bei den Bananen hingegen …

 


 

 

 

 

 


 

 

 


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