Homo Magi 

Das heidnische Jahr

31.10.2021

Hallo Salamander,

Samhain dräut. Ein weiteres Jahr mit Briefen an dich geht zu Ende. Wir haben 21 Jahre voll, 3 x 7.

Weitermachen? Ja. Solange du liest, solange Menschen (und eventuell auch andere Wesen) an den Dingen hier Freude haben, sehe ich keinen Grund, das einzustellen. Zumindest so lange, wie ich noch Lust habe und fähig bin, etwas zu liefern, was interessant ist.

Aber im Rückblick merkt man auch, dass das letzte Jahr ein eigenartiges war. Der Rückzug ins Private, das verlorene (weitere) Sofajahr, die Leblosigkeit, die sich überall breit macht – das habe ich nicht erwartet. Es ist keine Zombie-Invasion, die auf uns zukommt, weil der Zombie sich langsam bewegt – aber er bewegt sich immerhin. Die Untoten, die wir jetzt überall wieder wahrnehmen, sind abgestumpft bis verblödet, aber nicht körperlich gefährlich. Sie sind im schlimmsten Begriff des Wortes Stimmvieh, Füllmasse, Sättigungsbeilage für Psychovampire. Ich weiß nicht, vielleicht wurden über Netflix und Youtube Botschaften ausgestrahlt, die das Unterbewusstsein der Freigestellten, Home Office-Arbeiter und Abends-Nicht-Weggeher übernommen haben, während diese ihre Lebenszeit damit vertrödeln, hochgelobte Serien zu schauen, die ihnen ein Leben zeigen, das sie selbst nicht zu führen bereit sind.

In meiner Welt stellen wir uns auf kommende zwölf Monate Ängste, Pienzigkeit, Psychose und Anschluss-Probleme in allen Lebensbereichen vor. Was machen wir mit dem End-20-jährigen, der zwei Jahre nicht weggehen konnte, um eine Frau kennenzulernen? Wie erklären wir Studenten im 3. Semester, wie man „in Präsenz“ studiert? Was ist mit den Pubertierenden, die in zwei Jahren keinen ersten Kuss, keine erste Party, kein erstes Bier hatten? Tradierte Muster brechen weg, ohne dass wir den Versuch unternehmen, sie zu bewahren. Und dabei rede ich noch garnicht von dem Mitarbeiter, der sich im Heimbüro eingerichtet hat. Was macht das mit der sozialen Bindung zwischen Mitarbeitern, wie agieren Gewerkschaften in Zukunft, wie bündelt man Arbeitnehmerinteressen? Ach, das große Schweigen erklärt doch, wessen Interessen hier vertreten werden.

 

Und die Magie? Jene Kolleginnen und Kollegen, die ich hier „auf dem Schirm“ habe, verstecken sich in Erdlöchern und warten ab. Die weiseste Entscheidung, vermute ich, wenn man nichts zu sagen oder schreiben hat. Weiterzuschreiben war in den letzten 12 Monaten für mich nicht immer einfach, aber da ist meine Rolle offensichtlich eine andere als die mancher anderer „wichtiger“ Heiler, Schamanen, Seidh-Leser, Spakona, Hexen und so weiter. Wer vorher (also: vor dem Pandemiegeschehen) keine Skrupel hatte, Scheidung, Krebs, Kinderlosigkeit, Schizophrenie oder schlechtes Fernsehprogramm mit magischen kostenpflichtigen Angeboten jeder Provenienz zu heilen schweigt in Angesicht eines Virus – oder erklärt einfach, dass es keinen Virus gibt, was den Handlungsbedarf klar auf null senkt.

„Schwarze Pest! Quatsch. Wird total überschätzt.“ Auch ein Geschäftsgebaren, aber keines, das ich teile.

Lieber weiter reden und Dinge tun, als zu schweigen und keine Dinge zu tun. Am Ende des Tages schaut man auf das Tagwerk zurück. Wer schweißbedeckt heimkommt und sich Mühe gegeben hat, der wird mehr Ernte einbringen als jener, der auf der Bank saß, weil es sowieso keinen Sinn hat (und dann ist es egal, ob er glaubt, dass es gar keine Ernte gibt oder dass Ernte überschätzt wird).

 

Wenn ich am Ende dieses, meines heidnischen Jahres zurückschaue, das sehr anstrengend war, bin ich zufrieden. Mehr kann man nicht verlangen. Alles fließt. 

Zum Abschluss des Jahres ein Liedzitat aus dem Jahr 1970:

Can you pass the Rorschach test?
It’s a hassle, it’s an educated guess
Well, frankly I couldn't care less”

Aus „This is Not a Song It’s an Outburst: Or, The Establishment Blues” von Rodriguez.

 

In diesem Sinne,

Dein Homo Magi

 

 

 

 

 


 

 

 


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