Homo Magi 

Zwei Messer

12.12.2021

Hallo Salamander,

vorgestern stand ich auf dem Weihnachtsmarkt in einer Schlange an, um Bratwürste und Pommes zu kaufen. Eigentlich kein Verhalten, dass zu Überlegungen über den Lauf der Welt Grund gibt.

Also stand ich an und langweilte mich. Das führte dazu, dass ich den beiden Damen vor mir zuhören musste. Beide waren mein Alter (Mitte 50), gut gekleidet, aber nicht aufdringlich mit Schmuck behangen. Unfassbar geschwätzig.

Ich erfuhr in den wenigen Minuten, die ich für die Bratwurst anstand, von den großen Problemen der beiden. Eigentlich ging es nur um ein Thema: Urlaub. Die erste, wichtige Frage war, ob die für August gebuchten dreieinhalb Wochen auf den Seychellen stattfinden können. Man habe ja schon gebucht, und alles sei so schrecklich wegen der Pandemie. Aber man müsste „mal raus“ und sich erholen. Hätte man sich ja „verdient“. Die zweite Frage war, ob der für März/April in Österreich gebuchte Winterurlaub samt Ski-Fahren möglich ist. Man hätte doch schon genug Opfer für die Pandemie-Beschränkungen gemacht und das sei überhaupt nicht mehr nachvollziehbar, warum …

Zwei Messer gingen dabei in meiner Tasche mental auf. Das eine war ein gesellschaftliches Schnittwerkzeug, das meine linken Sinne und Ansichten weckte. Seychellen-Urlaub? Wenn da kein Sozialneid bei der Umgebung auf dem Weihnachtsmarkt aufkommt, dann weiß ich es auch nicht. Aber keiner rempelt die beiden Damen an und beschimpft sie mit Sätzen wie „ihr seid die ersten, die nach der Revolution erschossen werden!“ Naja, man darf ja noch träumen. Das ist die Klientel, die von Problemen wie Klimawandel, Umweltverschmutzung oder Post-Kolonialismus nicht betroffen wird, weil diese Dinge für sie nicht stattfinden. Das sind Probleme „der anderen“, die sicherlich ihr Lebensglück finden würden, wenn sie nur endlich arbeiten, richtig wählen etc. würden, was ja jedermanns eigene Sache ist und überhaupt ist ein jeder seines Glückes Schmied. Wahrscheinlich sind die beiden Damen SUV-Fahrer, die ihr Kind morgens 800 Meter zur Schule fahren, damit es nicht von Wölfen überfallen oder von radikalen Islamisten entführt wird.

Das zweite Messer war eine magische Waffe. Was tue ich jetzt? Gebe ich mir Mühe, mit Gedankenkraft ihre Bratwurst ungenießbar zu machen? Verwandele ich den süßen Senf in Essig-Senf? Wünsche ich ihnen die Pest an den Hals (in den Zeiten der Pandemie eine Drohung, die nicht so richtig greift, wenn man ordentlich darüber nachdenkt).

Am Ende entschloss ich mich für diese Zeilen. Dabei visualisiere ich die beiden ganz arg und stelle mir vor, wie Marder die Kabel in ihrem SUV fressen. Damit sie morgens mit der kleinen Chantalle und ihrem „Bob der Baumeister“-Ranzen bei -2 Grad Celsius draußen stehen und nicht wissen, wie sie jetzt die 800 Meter bis zur Schule überwinden sollen, da der Wagen nicht anspringt.

Haha! Seychellen. Euch kriege ich.

Dein Homo Magi

 

 

 

 

 


 

 

 


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