Homo Magi 

Schulanfang

08.01.2023

Homo Magi

Lieber Salamander,

die Rauhnächte enden und die Menschen werden sich wieder ihrer Sterblichkeit bewusst. Anders kann ich mir den Versuch nicht erklären, sich mit Gewalt selbst aus dem Gen-Pool zu entfernen, wenn die Schule wieder angefangen hat.

Da mache ich mich morgens schon vorsichtig auf den Weg, weil ich weiß, dass bei den meisten Menschen nach zwei Wochen Ferien die Frontallappen gelöscht werden. Doch ich bin kaum dreißig Meter gefahren, da springt mir die erste Frau (schwarz gekleidet, kaum zu sehen) vor das Auto. Offensichtlich ist sie einer Mülltonne ausgewichen, die als klassisches Hindernis auf dem Bürgersteig stand. Ohne sich umzublicken einfach mit einem gekonnten „side step“ vor mein Auto gehüpft. Gekonnt gemacht. Nur meine langsame Fahrweise verhinderte, dass der schwarze Fleck vor mir zu einem schwarzen Fleck unter mir wurde.

Noch langsamer fuhr ich also um die Ecke. Nieselregen, schlechte Sicht, das mahnt zur Vorsicht. Das nächste Objekt der Behinderung kam fünfzig Meter später. Die Frau beugte sich mit einem Mobiltelefon am Ohr in ihr unbeleuchtetes Auto, um – während sie wild sprach – ihr Kind anzuschnallen. Die Türbeleuchtung war defekt, der Wagen dunkel, das Mobiltelefon verdeckt und sie hatte sich passend in braun-braune Kleidung gehüllt. Aber im Scheinwerferlicht sah ich noch rechtzeitig die offene Tür, so dass ich beim Vorbeifahren die restlichen Elemente der Blockade-Kombo identifizieren konnte – samt des in die Fahrbahns gestreckten Hinterteils der Mutter.

Hundert Meter weiter: zwei Fahrrad fahrende Schüler ohne Licht, ohne Leuchtstreifen, ohne Überlebenswillen. Wie gut muss ich mein Kind in der Sterbekasse versichert wissen, dass es sich lohnt, es verdunkelt in die Morgenstunden zu schicken? Fürchten wir uns schon vor Bombenangriffen, so dass wir die Häuser und die Straße verdunkeln müssen? Stromsparen mal anders, auch beim Fahrrad-Dynamo, der keinen Fremdstrom verbraucht, aber sicherlich bei der Herstellung Energie gekostet hat und daher weniger abnutzt, wenn man ihn nicht benutzt.

Als dann das unbeleuchtete SUV auf der Gegenfahrbahn auf meine Fahrspur wechselte, weil die Fahrerin am Telefonieren war und keine Zeit hatte, auf den Verkehr zu achten, war mein Tagesmotto schon klar: Die Zombie-Invasion ist da, nur ganz anders, als ich vermutet habe. Aber es hat mich keiner gebissen und ich habe keinen gerammt. Kleine Erfolge im neuen Jahr müssen gewürdigt werden.

Dein Homo Magi

 

 

 

 

 


 

 

 


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