Homo Magi 

Bin nur ein Jonny

28.12.2025

Homo Magi

Hallo Salamander,

ich hatte schon ein paar Mal davon berichtet: Seit dem Tod meines Vaters höre ich verstärkt Operette, weil es mich an ihn erinnert. Ab und an dann auch Paul Abraham, den man am ehesten aus „Viktoria und ihr Husar“ kennt.[1] Bei einem anderen Werk von ihm, nämlich „Die Blume von Hawaii“, könnte ich mich ja rausreden und behaupten, es ginge um heidnische Prinzessinnen:

Die Blume von Hawaii ist eine Operette des ungarischen Komponisten Paul Abraham. (…) Die Geschichte von Liliʻuokalani, der letzten Königin von Hawaiʻi, war die Anregung für dieses Werk.[2]

Für einen Abend, an dem ich es um die Schlager der 50er-Jahre geht (ja, bei Schlaraffen gibt es so unfassbare Themen … und ich will heute Abend singen!) suchte ich nach „Blume von Hawaii“, denn der Film zur (oder gegen die) Operette erschien 1952, also zeitlich passend.[3] Wahrscheinlich wäre es ein Knüller gewesen, wenn ich „Ein Paradies am Meeresstrand“ intoniert hätte.[4] Dann erinnerte ich mich müde an „Bin nur ein Johnny“ und warf das bei Youtube ins Rennen.

Eine Viertelstunde später war ich immer noch sprachlos. Was fand ich online? Das richtige Stück, sogar mit der tollen Stimme von Bruce Low. Natürlich 1953 in schwarz-weiß, aber Bruce Low war offensichtlich noch dazu „blackfaced“ für das Stück.[5]

Musikalisch hübsch, das ist nicht zu leugnen – aber dann noch der falsche Text unter dem Video eingestellt:

Egal ob in New York
oder Shanghai
oder Bad Salzufflen
immer gut dabei
Heimat dich werd ich nie wieder sehen
Bin nur ein Jonny
und mach den langen Schuh
[6]

Bad Salzuflen ist der Ort, in dem ich arbeite, lustigerweise nahe dem Ort, wo ich dann singen soll. Das war aber nicht das, was Bruce Low sang (oder singen sollte). Recherche ergab dann, dass der abgebildete Text die Version von Udo Lindenberg und Helge Schneider zu „Bin nur ein Jonny“ ist.[7]

Ich habe mir dann die Arbeit gemacht, aus der Aufnahme die ersten (und richtigen) Textzeilen zusammenzuklauben:

Schwarzes Gesicht,
wolliges Haar,
großes Saxofon.
Kennt ihr mich nicht
hier aus der Bar?>
Applaus ist mein Lohn.
Doch im Salon
oder beim Lunch
weicht mir jeder aus.
Zähl ja nicht voll,
bin ja kein Mensch,
ich bin nur ein Neger.

Dann dachte ich mir, dass es vielleicht politisch nicht sehr klug wäre, das Lied zu singen. Auch ohne „blackface“, schwierig ohne klare Kontext-Darstellung vorzusingen. Und dann gibt es glücklicherweise in den Schlagern der 50er noch genügend Alternativen …

Bad Salzuflen und Bruce Low. Sachen gibt es. Aber ich hatte eine Stunde oder mehr Operetten-Spaß und hörte am Ende meinen Vater leise lachen. Raunächte halt mit Operette.

 


 

 

 

 

 


 

 

 


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