Hallo
Salamander,
ich bin schon
ein klein wenig süchtig, auch wenn mir die einschlägige Literatur
mitteilt, dass es nur eine psychische Abhängigkeit ist.
Vor vielen
Jahren hatte ich jede Nacht und jeden Tag schwere Schmerzen. Meine
Krankheit galt als unheilbar, die Todesrate war hoch. Dann – eines Tages –
erklärte mir mein Arzt, dass es ein riskantes neues Medikament gäbe, dass
aber innerhalb von 24 Stunden wirken soll. Ich glaubte kein Wort, aber das
war mich auch in meinem Zustand egal.
Später habe ich
mal recherchiert, dass das Medikament nicht gegen Krebs hilft, aber dafür
entwickelt wurde. Dafür gibt man halt Geld aus. Also suchte man eine
Krankheit zur Behandlung -und fand mich. Ich nahm das Zeug als Teil von
Testgruppe b (Testgruppe a war bei einem ersten Experiment ausgerottet
worden, kein Scherz) und war innerhalb von 24 Stunden fast schmerzfrei.
Also: 90 % der
Schmerzen sind verschwunden, aber die restlichen 10 % verteilen sich
leider nicht fair, weswegen es Tage gibt, an denen ich starke Schmerzen
habe usw. usf. Schübe halt, um das zu erklären.
Wie komme ich
heute darauf? Schon während Corona gab es mal einen Lieferengpass. Das
Medikament muss gekühlt transportiert werden, dann gekühlt aufbewahrt, ist
immer noch sündhaft teuer und wird in 3er-Gruppen verkauft (dann habe ich
aber auch drei Monate Ruhe).
Jetzt ist Krieg
im Iran und die Schifffahrtswege sind verschlossen. Wahrscheinlich besteht
der Spritzennippel aus Schlumpfonium, und das wird – weil billiger – von
Uiguren in Ostchina abgebaut und kann jetzt nicht mehr geliefert werden.
Oder es ist einfacher, die Spritze in Afghanistan zusammenbauen zu lassen,
weil man da keine Sozialabgaben und nur 10 % Lohn zahlen muss.
Wie auch immer.
Meine Droge ist nicht lieferbar. Jetzt kann ich also ausrechnen, wie lange
mein Drogenvorrat noch hält (sechs Wochen, ich bestelle aus Erfahrung klug
vorrauschauend), dann darf ich – wenn meine Apotheke ihre Rolle als Dealer
nicht ausfüllt – wieder auf Schmerzmittel zurückgreifen. Das freut mich
jetzt schon. Also eher nicht.
Und ich Depp
habe als junger Mann an eine Marsmission und Schwebebahnen geglaubt. Jetzt
ist es nicht mal mehr möglich, die Innenstädte regelmäßig zu reinigen und
Medikamente zu liefern. Ich hatte mir die Zukunft anders vorgestellt.
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